Montag, 03.09.2007 | Lieber Herr Schwazer,

für ihren sehr schönen und nachdenklichen Text "Die Kunst des Aufhörens" möchte ich mich sehr bedanken - Kompliment!
Erlauben Sie mir ergänzend dazu ein anmerkendes Statement:

 
In Zusammenarbeit mit dem Kuratorium für technische Kulturgüter habe ich 2003/4 das einmalige Ensemble der alten Bahnhöfe entlang der Brennerbahn untersucht und damit beigetragen, dass ein Teil dieser Bahnhöfe unter Denkmalschutz gestellt wurden. Während dieser Arbeiten ist mir Dank der Hinweise der unvergessenen Journalistin Elisabeth Baumgartner aufgefallen, dass der Brenner-Ort ein wahre Architektursammlung ist. Von der Kirche St. Valentin aus dem 15.Jht., dem historischen Gasthof Post, der Jugendstilkapelle Maria zum guten Rat, den Bahnhofsbauten von 1867 durch Wilhelm von Flattich, den exzellenten Bauten für den Bahnhof, das Stellwerk und die Eisenbahnerwohnhäuser Angiolo Mazzonis im besten Stil des italienischen "razionalismo" mit dem Bahnhofsperron auf dem sich Hitler und Mussolini dreimal trafen, den augezeichneten Grenzbauten der Italiener aus der Zwischenkriegszeit im Vergleich mit den dumpf-heimattümelnden Bauten der österreichichen Grenzer, der Kirche von Architekt Luis Plattner "Maria am Wege" (1961) und bis zu dem immer noch bemerkenswerten Autobahn-Grenzzollamt von Hörmann+Parson besteht ein einmaliges Bauensemble von europäischem Rang auf der emotional so belasteten Brennergrenze. Ein Ensemble, dessen Wert erlebbar bleiben sollte.
 
Aus diesem Grunde habe ich im Wintersemester 2004 meinen Stuttgarter Studenten die Aufgabe gestellt für den Brenner einen europäischen "Kulturort" zu entwerfen - in Anlehnung an den heute verschwundenen europäischen "Kurort" der k.k. Zeit Brennerbad mit seinem Grand Hotel. Die Studenten haben den Brenner besucht und unterschiedliche Vorträge zum Brenner gehört, u.a. von Peter Kaser, der die Studenten mit seiner künstlerischen Einstellung und den "scalini 84 stufen" zutiefst beeindruckt hat. Die Studenten entwickelten beachtliche Projekte vom Stausee auf der Wasserscheide über die Rückkehr der unberührten Gebirgslandschaft bis hin zu einem Konferenzzentrum für europäische Tagungen und einem Museum zur Bewältigung des (bisher nur verdrängten) italienischen Faschismus. Eine Reihe ganz anderer Alternativen für diesen magischen Ort. Die EURAC veranstaltete im Frühjahr 2005 mit diesen Arbeiten eine vielbeachtete Ausstellung.
 
Leider befindet sich der Brenner mit der Errichtung eines "outlet-centers" - wie diese Buden des Billigen Jakob heute auf anglo-rotwelsch genannt werden - wieder auf dem geistigen Nährboden eines heutigen Südtirols, welches die baukulturellen und geschichtlichen Werte überall zu verdrängen scheint. Koofmich statt Kultur - Ausverkauf statt Erhalt- Saldi und Soldi - Zerfahren statt Erfahren usw. Ein Trauerspiel, auch für die 84 Stufen, die einen Aufstieg symbolisierten der nun ein Abstieg in die globale outlet world geworden ist. Nur konsequent der Abschied von der Kultur eines Neubeginn. Dank an Peter Kaser und Hans Winkler. Und an Sie, lieber Herr Schwazer, für den würdigen Schwanengesang.
 
Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.- Ing. Architekt & Publizist
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